Momentum als Renditefaktor: Systematik hinter relativer Stärke.
Wie der Momentum-Faktor definiert und berechnet wird, in welchen Marktphasen er trägt und wo seine Schwächen liegen.
In der modernen Portfoliotheorie hat sich das systematische Investieren mittels quantitativer Faktoren etabliert. Einer der am besten dokumentierten und am breitesten eingesetzten Faktoren ist der Momentum-Faktor. Er beschreibt die in der Finanzliteratur untersuchte Tendenz von Anlageinstrumenten wie Aktien, einen einmal eingeschlagenen Kurstrend über eine gewisse Zeit fortzusetzen. Diese Beobachtung stammt aus historischen Datenreihen. Sie beschreibt kein verlässliches Muster für die Zukunft und lässt keine Aussage über die Wertentwicklung einer einzelnen Anlage zu. Everon setzt Momentum als einen von mehreren Faktoren in der Multifaktor-Strategie ein.
Was versteht man unter Momentum?
Momentum misst die relative Kursveränderung einer Aktie über einen bestimmten Zeitraum. Eine gängige Berechnungsformel ist:

wobei Pi,t der Preis der Aktie i zum Zeitpunkt t und k der Betrachtungszeitraum in Monaten (typischerweise 6 bis 12 Monate) ist.
Alternativ kann das Momentum als Risiko-adjustierte Rendite formuliert werden, z. B. durch die Sharpe-Ratio (Verhältnis Rendite zu Risiko) auf rollierender Basis. Momentum gehört zu den in der Finanzliteratur am längsten untersuchten Faktoren. Die dort berichteten Ergebnisse sind vergangenheitsbezogen und lassen keine Rückschlüsse auf die künftige Entwicklung zu:
- Wie hoch eine historische Überschussrendite ausfiel, unterscheidet sich je nach Markt, Untersuchungszeitraum und Berechnungsmethodik erheblich.
- Für Europa und die Schwellenländer werden vergleichbare Muster beschrieben, bei höherer Schwankungsbreite.
- Gegenüber anderen Faktoren wie Value oder Size zeigte Momentum in den späten 2010er-Jahren zeitweise ein anderes Verlaufsmuster, insbesondere in Phasen niedriger Zinsen und klarer Markttrends.
Lesetipp : Faktor-Risikoprämien: Value, Momentum, Size und Quality in den letzten Jahren

Momentum funktioniert typischerweise in Marktphasen mit :
- klarem Trend (z. B. expansive geldpolitische Phasen),
- fundamentaler Divergenz (z. B. Branchenrotation),
- hohem Anlegerfokus auf relative Stärke (z. B. Wachstumsphasen).
Schwächen zeigt Momentum hingegen in:
- Trendbrüchen (z. B. nach Marktkorrekturen oder politischen Schocks),
- starkem Reversal-Verhalten (z. B. in der Covid-Erholungsphase März–Juni 2020),
- verengten Märkten, wenn nur wenige Titel die Indexperformance treiben (Momentum-Cluster-Risiko).
Momentum weist typischerweise folgende Eigenschaften auf:
- Negative Korrelation zum Value-Faktor (insbesondere bei stark unterbewerteten Aktien, die als Turnaround-Kandidaten gelten),
- Leicht positive Korrelation zum Quality-Faktor (hochprofitabel wachsende Unter-nehmen schneiden oft auch im Momentum gut ab),
- Geringe Korrelation zum Low-Volatility-Faktor
Diese Eigenschaften können Momentum in einem Multifaktor-Portfolioansatz zu einem Diversifikationsbaustein machen.
Unterschiedliche Momentum-Definitionen
Es existieren zahlreiche Varianten des Momentum-Begriffs:
- Preisbasierte Indikatoren :
- 12M-1M Performance (klassisch)
- 6M Performance, 3M Performance, 1M Reversal
- Durchschnittlicher Performance-Rang über mehrere Zeitfenster
- Technische Indikatoren :
- Relative Strength Index (RSI)
- Moving Average Convergence Divergence (MACD)
- Abstand zur 200-Tage-Linie
- Risiko-adjustierte Varianten :
- Rendite/Volatilität über 6–12 Monate
- Momentum-Score relativ zur Sektor- oder Marktvolatilität
Die Wahl der Definition hängt vom Ziel des Einsatzes ab: aggressives Timing, defensives Rebalancing oder neutrales Stock Ranking.
Unser Ansatz bei Everon
Bei Everon integrieren wir Momentum nicht als monolithische Metrik, sondern als komponentenbasierten Score, der mehrere Sub-Indikatoren kombiniert. Unser Portfolio-Management verwendet dazu beispielsweise
- kurz-, mittel- und langfristige Preis-Momentums.
- Sektor-adjustierte Momentum-Rankings,
- risiko-adjustierte Momentum-Werte auf Basis von rollierenden Sharpe-Verhältnissen,
- technische Trendfilter.
Diese Sub-Scores werden in einem gewichteten Gesamtwert zusammengeführt , der in unsere dynamische Gewichtung eines Endscores einer Aktie einfliesst. Momentum wirkt dabei nicht isoliert , sondern in Kombination mit weiteren Faktoren wie Value, Quality oder Volatilität. Je nach Marktphase können die Momentum-Scores mehr oder weniger stark gewichtet werden.
Beispiel : In einem stabilen Bullenmarkt mit klarer Branchenrotation kann Momentum ein wichtiges Kriterium für Übergewichtungen sein. In volatilen Seitwärtsmärkten reduzieren wir hingegen gezielt die Relevanz momentumgetriebener Komponenten, um Reversal-Risiken zu begrenzen.
Lesetipp : Factor Investing mit Everon
Fazit
Momentum ist ein vielseitiger und seit langem untersuchter Faktor im systematischen Investieren, allerdings kein Selbstläufer. Entscheidend ist eine robuste, mehrdimensionale Definition.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und stellt weder eine Anlageberatung noch ein Angebot zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Everon AG ist von der FINMA bewilligter Vermögensverwalter gemäss FINIG. Vergangene Wertentwicklungen sind kein zuverlässiger Indikator für zukünftige Erträge.